Island
Am Ende einer der dramatischsten Straßen Islands — einem schmalen Durchgang, der zwischen Bergen und Meer in den abgelegenen Westfjorden geformt wurde — liegt Bolungarvík, ein Fischerdorf mit etwa neunhundert Seelen, das seit der Zeit der Sagas an dieser wilden Küste festhält. Die Anreise hierher ist der erste Akt des Erlebnisses: Ob man nun mit dem Schiff durch den Ísafjarðardjúp-Fjord ankommt oder die kurvenreiche Straße von Ísafjörður entlangfährt, die Landschaft überwältigt mit schroffen Klippen, rauschenden Wasserfällen und einer strengen Schönheit, die einer ganz anderen geologischen Epoche angehört.
Bolungarvík lebt am Meer. Das Ósvör Maritime Museum, eine Rekonstruktion einer traditionellen Fischstation, offenbart, wie die Isländer über Jahrhunderte in dieser rauen Umgebung überlebten – indem sie mit offenen Booten in die Stürme des Nordatlantiks ruderten, um Kabeljau zu fangen, der auf Holzgestellen getrocknet und in ganz Europa gehandelt wurde. Die mit Gras gedeckten Hütten und die steinernen Trockenschuppen des Museums stehen genau dort, wo solche Stationen über Generationen hinweg betrieben wurden, ein Zeugnis menschlicher Ausdauer, das sowohl demütigend als auch bewegend ist. Die moderne Fischverarbeitungsanlage des Dorfes setzt diese Tradition fort, und der Hafen füllt sich jeden Morgen mit Booten, die von den reichen Fanggründen vor der Küste zurückkehren.
Das Naturhistorische Museum im Dorfzentrum beherbergt eine eklektische Sammlung von Mineralien, präparierten arktischen Vögeln und geologischen Exemplaren, die die vulkanischen Kräfte beleuchten, die diese Halbinsel formen. Doch das wahre Museum von Bolungarvík ist die Landschaft selbst. Der Bolafjall, der sich 638 Meter direkt hinter dem Dorf erhebt, bietet eine der zugänglichsten und lohnendsten Wanderungen in den Westfjorden. An klaren Tagen offenbart der Gipfel ein atemberaubendes Panorama: die gesamte Nordküste, das Naturreservat Hornstrandir und an außergewöhnlichen Tagen das ferne Eisschild Grönlands, das am Horizont schimmert.
Die Westfjorde rund um Bolungarvík sind Islands unberührteste Wildnis. Die Halbinsel Hornstrandir im Norden — nur mit dem Boot erreichbar und ohne ständige Bewohner — ist einer der letzten echten Wildplätze Europas, wo Polarfüchse ohne Angst umherstreifen und riesige Seevogelkolonien an steilen Klippen nisten. Näher am Dorf bieten die Hejdalar-Heiße Quellen geothermisches Baden in einem abgelegenen Tal, und der Dynjandi-Wasserfall — ein donnernder Schleierfall, der oft als der Juwel der Westfjorde bezeichnet wird — ist ein Tagesausflug, den kein Besucher verpassen sollte.
Kreuzfahrtschiffe ankern im Fjord und bringen die Passagiere mit Tenderbooten an Land. Die Besuchszeit ist kurz, aber glorreich: Von Juni bis August bringt nahezu ununterbrochene Helligkeit, Wildblumen, die die Berghänge bedecken, und relativ milde Temperaturen. Außerhalb dieser Monate erobern heftige Stürme und Dunkelheit die Küste zurück. Bolungarvík bietet keine Luxushotels oder Designer-Boutiquen – stattdessen bietet es eine Begegnung mit Island in seiner elementarsten Form, einem Ort, an dem die rohe Kraft der Natur das prägende Element des Daseins bleibt.